Eine Milchbar in Stralsund

Ich muss zugeben, dass ich ab und zu luschere, durch welche Suchbegriffe die Leute wohl auf meinen Blog gelangen. Natürlich nur aus rein wissenschaftlichen Gründen (also reiner Neugier). Neben einfachen Schnitzeljagd-Hinweisen wie lomo blog oder lomography meer, sticht immer wieder ein Suchbegriff hervor: Milchbar Stralsund. Hm? Ah, stimmt, in einem meiner ersten Blogeinträge geht es um ein Lomoherz-Bild, welches auch auf den bedruckten Werkhaus-Hockern zu finden ist.
Na guut, es ist nicht wirklich mein Bild, das darauf abgedruckt ist, aber es sieht ihm ziemlich ähnlich (räusper). Und dieses Bild zeigt die Milchbar Stralsund. Der Rest des Artikels hatte dann aber eher weniger mit der nostalgischen Bar zu tun, die jahrelang in trister Einsamkeit und unter den wehmütigen Blicken von Einheimischen und Touristen verfiel. Um die Gastbesucher aus den Suchmaschinen nicht länger auf die Folter zu spannen, war es höchste Zeit, mal etwas Neues über die Milchbar zu schreiben – wie es momentan um sie steht, ob sie in ihrem alten Glanz erstrahlt oder bald der Vergessenheit angehören wird.
Anbei also ein Bericht von einer, die bei jedem Besuch in der Hansestadt erst einmal gucken musste, ob das alte quietschgelbe Gebäude am Neuen Markt noch steht.

So sah es am Stralsunder Neuen Markt vor etwa 1-2 Jahren aus:

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Die Stralsunder Milchbar, angelehnt an das amerikanische Konzept zur Zeit der Prohibition, nach jahrelangem Leerstehen und dem Verfall nahe. Beliebter Treffpunkt seit 1956, nach der Wende geschlossen, wie so viele Traditions-Läden in den neudeutschen Städten, davor Schnapsbrennerei und Café. 

Im Internet und den Zeitungen kursierten immer wieder die wildesten Geschichten und Pläne über einen möglichen Teil-Abriss, Sanierungsarbeiten und Umfunktionierung zum Bürogebäude bis hin zum Herzenswunsch der meisten Stralsunder – die Wiedereröffnung der alten Milchbar.
Und dann war es endlich offiziell: Das denkmalgeschützte Haus am Neuen Markt 13 soll bis Anfang 2013 in ein Wohnhaus mit Gewerbeflächen umgebaut werden. Gewerbeflächen im Plural. Damit war die Aussicht auf ein Milchbar-Revival erst einmal dahin. Bis das Restaurant im Juni dieses Jahres von einem Ehepaar unter dem alten Namen wiedereröffnet wurde.

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Jetzt haben die Stralsunder ihre alte Lady wieder.

Im Sommer, ungefähr 2 Wochen nach der Eröffnung, schauten meine Mama, die den Laden noch von früher kennt, und ich mal hinein und schlemmten uns durch sämtliche Eissorten. Lecker!

Ob die Milchbar ihren Kultstatus von früher wiedererlangen kann, wird sich noch zeigen, denn an das ursprüngliche Konzept erinnert heute nur noch der geschwungene Schriftzug, die Jukebox und die schwarz-weiß Fotografien an den Wänden. Das neue Konzept steht nicht mehr unter dem amerikanischen Einfluss der 50er und 60er Jahre, sondern vielmehr unter dem Stern einer italienischen Snackbar, wie sie nunmehr in jeder Stadt zu finden ist. Auf der Uniform der Kellnerinnen steht „Milchbar & mehr“ und dieses „mehr“ steht für die zusätzliche Speisekarte, die brav neben der Eiskarte liegt. „Pasta und Pizza“ zählen nun ebenfalls zu den Spezialitäten des Hauses – mit einem vielfältigen Angebot, angefangen bei der breitgefächerten Auswahl an Bruschetta, die einem schon auf der zweiten Seite das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Aber mit dem Mut, ein altes Stadtjuwel in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, kommen auch die Zweifel und die hohen Erwartungen. Viele, die die Milchbar von früher kennen, vermissen die Liebe zum Detail und das unkonventionelle Lebensgefühl, das dieser Ort zu seinen Hoch-Zeiten ausstrahlte. Momentan profitiert das Lokal von seinem neuen Antlitz und von der Erinnerung an Schmalz-Tollen und Petticoats, vom Retro-Charme einer längst vergangenen (besseren?) Zeit, wie sie vielleicht noch in den Köpfen einer ganzen Generation gespeichert ist. Meiner Meinung nach wird dies als Alleinstellungsmerkmal auf lange Sicht jedoch nicht genügen. Um sich gegen die Konkurrenz in der Stadt, und vor allem am Neuen Markt, durchzusetzen – der nächste Italiener ist tatsächlich nur 2 Häuser entfernt – fehlt es dem Snack-Café/Restaurant noch an Einzigartigkeit, an unkommerzieller Leichtigkeit und Ideenreichtum, auch mit Hinsicht auf Geschmack und Auswahl der Eissorten, die gut, aber nicht außergewöhnlich gut sind. Auch das Personal hätte etwas charmant-freundlicher daherkommen können, obwohl man sich so kurz nach der Eröffnung vielleicht auch ersteinmal zusammenraufen muss…

Natürlich kann man nicht einfach dort anknüpfen, wo die alte Milchbar aufgehört hat, ohne den Blick in Richtung Zukunft und Tendenz zu wenden. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es ein bisschen mehr Liebenswürdigkeit, ein ausgefalleneres Angebot, das anderen Eisdielen die Show stiehlt, und Mitarbeiter, die sich nicht anmerken lassen, dass sie überfordert sind, sobald alle Außenplätze belegt sind. Ein Schritt in diese Richtung ist die Einführung der ‚Retro-Karte‘, die zum Zeitpunkt unseres Besuches noch in Vorbereitung war, inzwischen aber bestimmt auf den zahlreichen Tischen ausliegt. Auf diesen Karten werden wieder die alten Klassiker, wie z.B. der Taucher und mehr zu finden sein. Und vielleicht fühlt man sich dann, mit dem geringelten Strohhalm in der aufgeschäumten Erdbeermilch, in eine Zeit versetzt, die der neuen Milchbar alte Werte verspricht und sie zu dem macht, was sie einst war: ein unverwechselbarer Ort, den jeder kennt und der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Der Nostalgie zuliebe und weil es einfach ein Erlebnis für sich ist, sollte man die Milchbar mindestens einmal besucht haben, wenn man in der Nähe ist. Und dann bestellt doch bitte einen Taucher für mich mit! 🙂

Die Hansestadt Stralsund ist übrigens unbedingt einen Abstecher wert, in den letzten Jahren hat sich dort viel getan. Die meisten der 700 denkmalgeschützten Gebäude wurden inzwischen auf Hochglanz poliert und der mittelalterliche Stadtkern, der sich mit Wismar einen Weltkulturerbe-Titel teilt, hat ein ganz eigenes Flair. Als Deern von der Waterkant liebe ich natürlich alle Hansestädte, aber Stralsunds Innenstadt und Architektur, in Backsteingotik und bunten Farben gehalten, haben ein Extra-Plätzchen im Lomoherz. Außerdem gibt es dort echte Meeresschildkröten.

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Eine schöne neue Woche für euch und bis demnächst,

Conny Hansen